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Esel

Der um 4.000 vor Christus in Ägypten domestizierte Esel genoss eine ambivalente Beurteilung: Einerseits war er das sprichwörtlich dumme, störrische und fast wertlose Tier, andererseits unentbehrlich als Arbeitskraft, Lastenträger und Reittier. In der Heiligen Schrift führt Gott nachlesbar vor, dass er aus diesem sprichwörtlichen Esel Wissen und Weisheit locken kann, die den auf ihm sitzenden Propheten Bileam zum eigentlichen Esel werden lässt (vgl. Num 22, 21-34). Im Gegensatz zu den „Herrentieren” Pferd, Dromedar, Kamel oder Elefant war der Esel das Tier der Mittel- und Unterschicht. Der Einzug Jesu in Jerusalem auf dem Weg zum Tod vollzieht sich auf einem Esel: Jesus zeigt sich als der niedrige König, der dem Tod entgegenzieht. Der Esel (Palmesel) wird zum „Haustier Gottes” sagt der heilige Ambrosius (Luc. lib. IX, 9-14). Das Bild des Esels lehrt den Betrachter, sich willentlich in Demut einer heiligen Zucht und Ordnung zu unterwerfen. Der heilige Franziskus von Assissi sprach deshalb von seinem Körper als „Bruder Esel”, dem er die Lasten schwerer Arbeit und Askese aufzwang. Wenn Nikolaus, der Sohn reicher Eltern, mit einem Esel bei der Kinderbescherung auftaucht, dann führt er dem Betrachter das damals noch gängige Wissen vor Augen und machte deutlich: Handle wie ich, folge Christus nach, mach dich klein und wähle das Motto „Ich dien” . Dass die Menschen mit der Zeit diese Deutung nicht mehr verstanden und deshalb schlicht pragmatisch reagierten, spricht nicht gegen die Bildhaftigkeit. Aber Heu und Stroh für einen weitgereisten Esel sind halt offensichtlicher als mühsam zu erreichendes Verständnis. Wir Menschen handeln gerne nach der Regel: Was sich versorgen lässt, entbindet uns von Sorgen. Der versorgte Esel enthebt von der Sorge darüber nachzudenken zu müssen, warum ich „mich selbst zum Esel machen” soll. Nicht ohne Grund hat unser bildhaftes Sprichwort heute das, was man im Süddeutschen „ein Gerüchle” nennen würde. Vielleicht hat aber der Brauch, für den Esel des Heiligen Heu, Hafer und Mohrrüben bereitzustellen (vgl. das bekannte Lied: „Stell' das Eselchen unter den Tisch, dass es Heu und Hafer frißt ...”), einen germanischen Brauch zum Vorbild, der christlich „überdeckt” wird. Siehe auch: Reittier des heiligen Nikolaus, Wotan. Wie dem auch sei: Der „Esel” wurde zum Begriff, um die Bespöttelten als träge, dumm, ungeschickt, sangesunbegabt usw. zu kennzeichnen. „Esel” als Schimpfwort und als Kennzeichnung eines dummen Menschen war schon bei den Römern sprichwörtlich; im Deutschen erstmals nachweisbar bei Notker (um 1000): „Er lebet in esiles wise”. Hugo von Trimberg stellt um 1300 „edelinge und eselinge” einander gegenüber. Heinrich Bebel verzeichnet 1508 in seiner „Sprichwörtersammlung” lateinisch: „Multi sunt asini bipedes”; es kehrt auf Deutsch 1541 in Sebastian Francks „Sprichwörtersammlung” wieder: „Es sind vil Esel auff zweyen füßen”, vgl. französisch „Il y a bien des ânes qui n'ont que deux pieds” (heute unüblich). Eselsschimpfworte und Eselsredensarten sind in zahllosen Varianten überliefert und belegen, wie bräuchlich und allgemein verständlich das Bild war. Das Markanteste am Esel, seine Ohren, gerieten zum Hauptkennzeichen der Narren. In der Tierallegorese, die gerade im Karneval realisiert wurde, kennzeichnete der Esel den unbelehrbar dummen Menschen. Dies schlug sich in der Literatur und in Redewendungen nieder, aber auch in der Kunst: Im Hamburger Dom stand ein in Stein gehauener Esel, der Dudelsack blies. Der zugehörige Text lautete: „De Welt het sick umgekehrt, drumm heff ick arm Esel dat Pypen geleert”. Dieses Motiv ist uralt. Schon im griechischen Altertum hieß es „sonos pros lyram”, lat. „asuinus ad lyram”, woraus sich das deutsche Sprichwort ableitete: „Er paßt dazu wie der Esel zum Lauteschlagen”. In älteren Fachtnachtsbräuchen gibt es gelegentlich den Eselsritt: Ein Narr reitet - meist mit dem Rücken zum Kopf des Tieres - seines Weges.

© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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