
|
Ketten, Kettenrasseln
Zum Verängstigungsritual des Einkehrbrauches am Tag des heiligen Nikolaus gehörte noch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein immer gleicher Introitus: Der Besuch der mächtigen und mächtig gefürchteten Gäste kündigte sich durch durchdringendes Poltern, dumpfes Stampfen und ein unheimliches Kettenrasseln an, eine Geräuschmischung, die selbst abgehärtete und vermeintlich lebenserfahrene Kinder leichenbleich, zittern und schlottern machen konnte. Falls die Kette selbst dann während des Auftritts des Heiligen sichtbar wurden, dann als Kette, mit der der schwarze Begleiter, siehe Nikolaus-Begleiter, umgürtet und von Nikolaus gehalten wurde. Hier symbolisierte die Kette, wer an ihr lag und wer an ihr zog. Allegorisch wurde deutlich, dass Gott und die Seinen das Böse fest im Griff halten, es der Macht des Guten dienstbar ist, wenn der Gute das so will. (Auf einer intellektuell höheren Ebene wird das gleiche Problem z.B. in Goethes „Faust” abgehandelt). Der Teufel oder sein Spießgeselle in Ketten verdeutlicht aber auch, was die Untat, die Sünde mit uns selber macht: Sie legt uns in Ketten. Aus dieser Versklavung und aus diesen Ketten können wir uns nur durch gute Werke und Gottes Gnade befreien (lassen). Weil Martin Luther später die „guten Werke” weniger einsichtig als die Gnade waren, fielen die guten Werke und mit ihnen dann auch die Heiligen seiner Reform zum Opfer. Dem mittelalterlichen Menschen fiel bei der Betrachtung der Ketten die „kettenlösende” Macht des Heiligen ein, die in seinem lothringischen Wallfahrtsort „Saint-Nicolas-de-Port” so eindrucksvoll bewiesen wurde. Ob nun tatsächliche körperlich erlittene Gefangenschaft oder das Gefangensein in mir selbst zu befreien waren, war dabei zu unterscheiden nicht wichtig.
© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
zurück zum Seitenanfang
|
|
|
|