Nikolaus-Fest

Seit dem 8./9. Jahrhundert wurde im Westen das Fest des heiligen Nikolaus am 6. Dezember -„Natalis S. Nicolai” -begangen (Nicolai hiemals, Niclastag, Nielsdag, niederl. Clawsdach, Klagesdach). Nach der Translatio der Gebeine des Heiligen nach Bari wurde zusätzlich der 9. Mai zum Gedächtnistag - Translatio S. Nicolai. Mit der Reform des kirchlichen Festkalenders 1969 fiel die weltweite Verpflichtung zur Feier eines Gedächtnistages für den heiligen Nikolaus fort. Dem kultischliturgischen Stellenwert des Heiligen, dessen Verehrung vom 12. bis zum 16. Jahrhundert unvergleich blühte, entsprechen kaum überschaubare Auswirkungen auf das volksfromme Brauchtum, aber auch Ausformungen von Bruderschaften, Wallfahrten, Reliquienverehrung und eine unschätzbare Anzahl bildlicher und plastischer Darstellungen. Der hohe liturgische Rang des Nikolaustages hatte profane Folgen: Was innerlich wirksam war, sollte äußerlich auch erlebbar sein. Die Festtagsküche stellte darum durch ihre Produkte sinnlich unter Beweis, welche übersinnlichen Qualitäten der jeweilige Festtag hatte. Produziert wurde für die Familie oder die Klostergemeinschaft, aber auch für das Gesinde, Verwandte, Besucher, Freunde, Gäste, Bettelnde und Heischende. Das liturgische Fest weitete sich aus zu einem Gesamterlebnis, wurde ganzheitlich erfahrbar. Alles, was heute in der Advent- und Weihnachtszeit und darüber (erheblich) hinaus an Speisen und Gebäck angeboten wird, hat seinen Ursprung im Weihnachts- und Nikolausfest und kam deshalb nur an diesen Tagen selbst auf den Tisch. In ganz früher Zeit, als die Adventzeit noch strenge Fastenzeit war, war der Nikolaustag ein unvergessliches Erlebnis: Traditionell war der Nikolaustag Schlachttag und - wo gehobelt wird, fallen Späne - bot Wellfleisch und Würste, Suppen und Reste, wo sonst nur Brei und Rosenkranz den Tag erhellten. Bekanntlich kam uns die Erfahrung „des Habens als hätte man nicht” mit der Erfindung des Tiefkühlens abhanden.

© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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