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Nikolauslegenden

Bemerkenswert und geradezu eine hagiographische Gesetzmäßigkeit ist der Umstand, dass, je mehr eine historische Person im Dunkel der Vergangenheit historische Präzision verliert, sie ein Profil im Legendarischen erst entfaltet. Der Fortfall konkreter historischer Bezüge scheint geradezu der Nährboden der Legende zu sein. Die verschlungenen Stränge der legendarischen Überlieferung des heiligen Nikolaus sind so außerordentlich kompliziert miteinander verknüpft, dass sie nur von geschulten Experten entwirrt werden können. Ältester schriftlicher Beleg für die Verehrung des Bischofs von Myra ist die Stratelatenlegende, die sogenannte praxis de stratelatis, die Legende von der wunderbaren Rettung dreier Feldherren vor dem Tode. Diese „Keimzelle der Nikolauslegende” (Werner Mezger), die die Handlung zu Lebzeiten des Heiligen ansetzt, spielt zu Zeiten des Kaisers Konstantin (306 - 337), der mit der „Konstantinischen Wende” die Ära des Christentums im Römischen Reich eröffnete. Die älteste erhaltene Aufzeichnung der Legende wird in die Zeit zwischen 460 und 580 datiert; es ist natürlich keineswegs ausgeschlossen, dass noch eine ältere Fassung entdeckt werden könnte. Die Stratelatenlegende, ältester Kern der bald weltumspannenden Nikolausverehrung, hatte im Altertum ein solch hohen Stellenwert, dass von ihr heute noch mehr als fünfzig verschiedene Handschriften erhalten sind. Die älteste bekannte Biographie des heiligen Nikolaus, die „Vita per Michaelem”, scheint zwischen 750 und 850 in Konstantinopel entstanden zu sein. Sie wurde zur Vorlage für die nur wenig jüngere Biographie des „Methodius ad Theodorum”, die in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts datiert wird. Der hagiographische Befund zum heiligen Nikolaus wäre durchschaubar geblieben, hätte es nicht einen zweiten Nikolaos gegeben, den Archimandriten (griech. Abt) des Klosters von Sion und späteren Bischof von Pinora, dessen Vita etwa zur Zeit der Entstehung der Stratelatenlegende entstanden ist. Von ihm wissen wir, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit am 10. Dezember 564 in Lykien gestorben ist. Die Namensgleichheit und wohl auch der Tod in einer Landschaft, in der auch der Bischof von Myra gewirkt hat, haben dazu geführt, dass die Lebensbeschreibungen des Abtes Nikolaos und des Myrensischen Bischofs Nikolaos miteinander verschmolzen: Simeon Metaphrastes, der in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts arbeitete, führte die Stratelatenlegende mit der Vita des Myrensers zusammen, fügte aber - und das war eben sein Irrtum - Begebenheiten aus dem Leben des Archimandriten Nikolaus hinzu. Diese kompilierte Vita war die Vorlage für alle folgenden Lebensbeschreibungen. Wie im Osten so scheint auch im Westen die Stratelatenlegende Auslöser und Kern der Nikolauslegenden und Nikolausverehrung zu sein. In einem Reichenauer Codex aus der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts taucht die „praxis de stratelatis” erstmals auf weströmischen Boden auf. Nur wenig später, zwischen 840 und 854, findet sich die Legende etwas gekürzt im Martyrologium des Abtes und nachmaligen Mainzer Erzbischofs Hrabanus Maurus wieder. Wie im Osten so folgt im Westen die Nikolaus-Biographie seiner Legende nach. Zwei griechische Biographien haben vor allem als Vorlagen gedient: die Vita des Simeon Metaphrastes und die Schrift des „Methodius ad Theodorum”. Nachweisbar ist um 880 die in Neapel verfasste „Vita s. Nicolai episcopi” von Johannes Diaconus, die wohl älteste Nikolausbiographie in lateinischer Sprache. Während sich Johannes Diaconus wesentlich auf den Text des Methodius stützt, übernahmen jüngere lateinische Autoren ihren Stoff von Simeon Metaphrastes. Auf diese Weise verschmolzen auch im Westen die historischen Personen des Nikolaus von Myra und des Abtes Nikolaus von Sion zur heute noch bekannten fiktiven Nikolausgestalt. Im Hochmittelalter entstanden allmählich auch volkstümliche und volkssprachliche Nikolaus-Lebensbeschreibungen. Die älteste bekannte Vita stammt von dem Anglo-Normannen Robert Wace. Mit seinem Text „St. Nicholas” fußt er auf Johannes Diaconus und somit auf Methodius, aber auch noch auf zusätzlichen, möglicherweise mündlichen Quellen. Diese altfranzösische Vita existiert auch noch in Form einer jüngeren mittelenglischen Variante. Die erste deutsche Nikolausbiographie kann für das 13. Jahrhundert nachgewiesen werden. Leider ist der Text in Form eines Gedichtes in hoher sprachlicher Qualität nur fragmentarisch erhalten. Den „Renner” unter den Nikolaus-Viten im lateinischen Abendland schrieb in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts der Dominikaner Jacobus de Voragine, späterer Erzbischof von Genua. Seine berühmte „Legenda Aurea”, zuerst lateinisch abgefasst, ordnet die Heiligen nach dem Kirchenjahr an und behandelt den heiligen Nikolaus gleich nach dem heiligen Andreas. In zahlreichen Handschriften und ab dem Ende des 15. Jahrhunderts auch im Buchdruck trat die Legenda aurea einen unvergleichlichen Siegeszug an, der bis in das 20. Jahrhundert anhielt. Die Popularität des heiligen Nikolaus im Hoch- und Spätmittelalter, aber auch die Nachwirkungen bis in unsere Zeit haben ihre Quelle in diesem sensationell erfolgreichen Buch, dessen Texte sich im Laufe der Jahrhunderte durch Ergänzungen beachtlich ausweitete: Aus den 170 Texten im 13. Jahrhunderts waren 1470 bereits 448 Texte geworden. Auf der Textvorlage des Genueser Erzbischofs wiederum basiert das kurz vor 1300 vollendete sogenannte „Passional”, mit cirka 110.000 Versen die bedeutendste Legendensammlung des Mittelalters. Nikolaus ist in dieser Textsammlung im dritten Buch nicht nur an die erste Stelle von 75 behandelten Heiligen der 66.400 Verse umfassenden „Legenda sanctorum” gerückt: Mit etwa 1.780 Versen ist das Kapitel von „Sante Nicolao einem bischove” doppelt so lang wie anderen Texte im Durchschnitt sind. Die frühen Buchdrucke, die vor 1500 entstandenen Inkunabeln, sind nicht nur typografisch aufwendig gestaltet, sondern auch reich bebildert. Die populärste Vitensammlung, heute als „Der Heiligen Leben” bezeichnet, erstmals 1471/1472 in Augsburg ediert, enthält für jeden Heiligen einen Holzschnitt. Das 1488 in Nürnberg edierte Buch von Anton Koberger, eine der aufwendigsten Inkunabeln, präsentiert für Nikolaus einen zweiteiligen - meist sogar handkolorierten - Holzschnitt. Dargestellt werden die Ausstattung der drei Jungfrauen mit Gold und die Erwählung von Nikolaus zum Bischof, mit Heiligennimbus, Mitra und Chormantel, bei der Jungfrauenlegende zusätzlich mit Bischofsstab dargestellt. Durch seine Tat erweist sich Nikolaus schon vor seiner Bischofswahl als dem Bischofsamte würdig und wird deshalb als heiliger Bischof wiedererkennbar selbst in „vorbischöflicher” Zeit gezeigt. Die wichtigste Innovation des lateinischen Abendlandes hinsichtlich der Weiterentwicklung der Grundlegenden des heiligen Nikolaus ist die Wundererzählung von der Auferweckung der getöteten Schüler. Die älteste Fassung dieser Sekundärlegende liegt im 12. Jahrhunderts in dramatisierter Form in der Hildesheimer Handschrift „Liber sancti Godehardi” vor; eine der ältesten epischen Fassungen bietet der schon genannte Robert Wace mit seinem „St. Nicholas”. Weil sich die Schülerlegende schon vor 1200 im nordfranzösischen Bereich finden lässt, aber eine Generation später in der südlich der Alpen verfassten „Legende aurea” und anderen südeuropäischen Nikolausbiographien nicht vorkommt, vermutet die Forschung die Entstehung dieser Schülerlegende in Nordfrankreich. Die Schülerlegende ergänzt nicht nur die im Mittelmeerraum entstandenen Legenden, sondern prägt den Typ von Nikolaus, der als himmlischer Kinderfreund und Gabenbringer in zahlreichen zeitabhängigen Metamorphosen bis in die Gegenwart fortlebt. Kult, Hagiographie, Ikonographie und Brauchentwicklung erfuhren von hier eine nach wie vor ungebrochene Vitalität, die sich im Gegensatz zur in Frage gestellten kanonischen Unantastbarkeit erhalten hat.

© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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