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Schiffsallegorese

Die allegorische Deutung des Schiffs geht nicht nur auf die biblische Erzählung von der Stillung des Sturm auf dem See (Mt 8,18.23-27; Mk 4,35-41; Lk 8,22-25) zurück. Sie ist im Judentum (Arche Noah, Jona-Erzählung) ebenso bekannt wie in anderen antiken orientalischen Kulturen (vgl. z. B. den Gebrauch von Totenschiffen). Im 2. Jahrhundert setzt Tertullian Schiff und Kirche gleich. Seit dem 4. Jahrhundert findet diese Gleichsetzung allgemeine Verbreitung. Früheste christliche Schiffsdarstellungen finden sich auf Grabmälern des 3. und 4. Jahrhunderts. Diese Seelenschiffchen sind zu unterscheiden von den späteren Kirchenschiffen, die zwar auf den Hafen des Heils ausgerichtet, aber noch nicht angekommen, heilsgefährdet, zugleich aber auch heilssicher sind (vgl. Ursula-Schifflein). Zielhafen ist die „requies aeterna” (= ewige Ruhe), das himmlische Jerusalem, die „Stadt des großen Königs”, der Himmel. Der Aufbau der Kirche wird mit den Funktionen und der Besatzung eines Schiffs verglichen. Der Mastbaum wird mit dem Kreuz gleichgesetzt, der das Kirchenschiff über das Meer lenkt. Das Kreuz ist Siegeszeichen und Garant des Sieges der Kirche, einer Schicksalsgemeinschaft auf Leben und Tod. Der heilige Ambrosius sieht das Schiff der Kirche „mit den Segeln am Mastbaum des Kreuzes, die sich blähen im Sturmwind des heiligen Geistes”. Der Papst vergleicht Anfang des 3. Jahrhunderts das Kirchenwesen mit einem Schiff. Die Kirche als Schiff, das sogenannte Kirchenschiff, nimmt physische Gestalt an: Romanik, Gotik, Barock, Klassizismus, Neuromanik und Neugotik bilden die Längsachse der Kirchengebäude als Kirchenschiff aus. Ausgangspunkt hierfür ist die Belehrung des Volkes durch Christus vom Boot aus (Lk 5,3), die als Auftrag verstanden wurde, in der Kirche das Wort Gottes zu verkünden (so Beda Venerabilis). Das Kirchenschiff wird zur zweiten Arche des Heils mit dem Steuermann Christus, dem Windhauch des Heiligen Geistes, den Rudern der Weisheit, den Tauen der Jugend usw. Das Meer ist Bild für die Welt, die Gläubigen sind die Passagiere, die Segel symbolisieren die Liebe, der Glaube ist der Kompass. Die Gottesmutter Maria aber ist der Meerstern, vgl. „Meerstern, ich dich grüße”, „Ave, maris stella”. Geradezu programmatisch deutet Petrus Chrysologus die Fastenzeit als Schifffahrt auf die Freuden des Osterfestes durch die vorbereitenden Wochen enthaltsamen Lebens. Das Gegenmodell zum allegorischen Kirchen-Schiff ist das mittelalterliche Narrenschiff. - In Verbindung mit dem hl. Nikolaus deutet ein Schiff auf seine Legende, in der er Seeleute und Pilger auf dem Wasser rettet. Er wurde deshalb Patron der See- und Binnenschiffer, Brückenheiliger und fand sich in fast jedem Hafen als Plastik und in jeder Hafenstadt als Kirchenpatron.

© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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