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Weihnachtsmann

Um 1535 schafft der Reformator Martin Luther die Kinderbescherung am Nikolausabend durch den hl. Nikolaus ab. Protestantische Kinder erhalten seitdem Weihnachten Geschenke durch den „heiligen Christ”. Das Christkind eroberte zuerst das evangelische Deutschland und erst ab 1900 schließlich auch - konfessionsüberschreitend - das katholische Bayern und Rheinland. Um 1930 hatte sich schließlich in Nordwest- und Südwestdeutschland „das Christkind”, in den anderen Landesteilen der Weihnachtsmann als Gabenbringer durchgesetzt. In den protestantischen Niederlanden dagegen blieb das Schenkfest am Nikolaustag ebenso erhalten wie Nikolaus als Gabenbringer. Der von den Niederlanden in die „Neue Welt” exportierte Nikolaus wurde zum Santa Claus, verlegte aber die Bescherung auf den 25. Dezember. Vermischt mit aus Deutschland importierten Vorstellungen eines Väterchen Winter (Herr Winter, Holzschnitt von Moritz von Schwind, 1847) verliert Santa Claus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die eindeutige Bischofskleidung (Mitra, Stab, Brustkreuz, Chormantel, Stola etc.) und erhält einen mit Pelz besetzten Mantel und eine ebensolche Pudel- oder „Plümmelmütze” und wird in den USA zum Father Christmas. Im Vordergrund steht nun die Vorstellung von einem deutschen, oberpfälzischen Vater Winter: Pausbäckig mit Bäuchlein, gemütlich und weißbebärtet, ergibt sich eine Mischung von Nikolaus, Großvater und Landgerichtspräsident. In dieser neuen Figur verschmelzen der gute Heilige und sein böser Begleiter zu einer Person. Aus dem hageren, asketischen Nikolaus wurde ein „weltlicher Herr”; durch sein „Umstylen” war er nun säkularisiert. Die inhaltliche Metamorphose wurde äußerlich in seiner Erscheinung nachgeholt, ikonographisch und inhaltlich hat sich der Weihnachtsmann nun vom Nikolaus gelöst. Der „Macher” dieser neuen Figur ist der 1840 in der Pfalz geboren und 1846 mit seiner Mutter in die USA ausgewanderte Thomas Nast. Während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 - 1865) kreierte er aus dem Pelznickel seiner Kindheit und dem in niederländischer Tradition stehenden Santa Claus den amerikanischen Weihnachtsmann: Aus dem Asketen Nikolaus war ein gemütlicher, rotgewandeter Dicker geworden. Der weiße Pelzbesatz zur roten Kleidung schließlich erhielt der Weihnachtmannes 1932 durch Coca Cola. Der Weihnachtsmann in die „Hausfarben” von Coca Cola wünschte in einer USA-weiten Plakat-Aktion neben einem Gabenstrumpf eine „erfrischende Pause”. Seit diesem außerordentlich erfolgreichen Werbefeldzug ist der Weihnachtsmann standardisiert. Der rote Mantel kann sich also nicht auf eine ungebrochene Tradition berufen und als letztes bischöfliche Attribut eine gewisse Alibifunktion haben. Das letzte ikonographische Element versteckt sich eher, als dass es offen erkennbar ist: die Plümmelmütze. Wie bei den Gartenzwergen als einziges Herkunftsrelikt die spitz nach vorn geneigte rote Mütze bleibt, so auch beim Weihnachtsmann. In der phrygischen Mütze ist der Hinweis auf die kleinasiatische Herkunft des Nikolaus enthalten. Als Weihnachtsmann nach Deutschland und Europa reimportiert, hat er in evangelischen Familien weitgehend das Christkind abgelöst, das dafür in den katholischen Familien, die die Kinderbeschenkung zu Weihnachten nachvollzogen haben, Asyl gefunden hat. Im überwiegend katholischen Süden und Westen Deutschlands glaubten die Kinder nach einer volkskundlichen Befragung 1932 vorzugsweise an das Christkind, im Norden und Osten dagegen an den Weihnachtsmann. Die konfessionsunterscheidende Funktion von „Christkind” und „Weihnachtsmann” ist seitdem weitgehend aufgeweicht. Im Ausland (Frankreich: Papa Noel; Italien: Baba Noel; Türkei: Aba Noel ...) hat der Weihnachtsmann weitgehend die Rolle des weihnachtlichen Gabenbringers übernommen, sofern zu Weihnachten beschert wird. Inzwischen ist der Weihnachtsmann wirklich „ein Mann von Welt” und stachelt als Animateur zu weihnachtlichen Kauforgien an. Das einst ausgesprochen positive Image des Weihnachtsmannes wandelt sich: Die Titulierung „Sie Weihnachtsmann” gilt nicht gerade als Belobigung und wer als „ein (richtiger) Weihnachtsmann” etikettiert wird, ist ein wunderlicher, einfältiger Mensch. Als diese Redewendung um 1920 aufkam, sollte sie die Vollbartträger verächtlich machen. „Noch an den Weihnachtsmann glauben” (vgl. „noch an den Klapperstorch glauben”) meint einfältig, unaufgeklärt, unerfahren sein. Diese Redewendung ist gleichfalls um 1920 aufgekommen und entspricht dem französischen „croire encore au Père Noël”. In den Niederlanden führte der Einzelhandelsverband 1995 eine Aktion durch und verbuchte einen klaren Punktsieg für St. Nikolaus gegen den Weihnachtsmann. Auf der einen Seite formieren sich die Sinterklaas-Fans, die keinen Weihnachtsmann auf niederländischem Territorium dulden wollen, und auf der anderen Seite stehen die Anhänger des - angeblich deutschen - Weihnachsmannes. Wie einen Kultursieg verkünden die Eiferer: „Sinterklaas kommt in diesem Jahr in 3,8 Millionen Haushalte, der Weihnachtsmann nur in 2,8 Millionen Familien”. Bürgermeister haben ihre Gemeinden zu „Weihnachtsmannfreien Zonen” erklärt und gleich das passende Schild neben dem Ortsschild gehangen, Geschäftsleute, die sich nicht an die „Regel” halten, müssen mit Ärger rechnen: Ihnen wird ein „Weihnachtsmann-Verbotsschild” - ein mit rotem Balken durchgestrichener Weihnachtsmann - auf die Schaufensterscheibe geklebt. Geschäftstüchtige Niederländer sehen diesen „Kulturkampf” mit großem Vergnügen und heizen ihn immer wieder an: Schließlich darf man darauf hoffen, dass demnächst in den Niederlanden außer am 6. Dezember auch noch am 25. Dezember geschenkt (und damit vorher gekauft!) wird. Das zum Auftauchen des Weihnachtsmannes passende Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann” hat 1835 kein Geringerer als Hoffmann von Fallersleben verfasst.

© Prof. Dr.theol. Manfred Becker-Huberti, Köln

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